Vor 60 Jahren
Wie Anneliese Schneider das Kriegsende in Hüffenhardt erlebte, hat sie in ihrem Tagebuch festgehalten. Wir dürfen diese Tagebuchaufzeichnungen veröffentlichen und können so einen Blick in die Geschichte direkt vor unserer Haustür werfen.   
Ein Dankeschön an Frau Schneider für die Aufzeichnungen und die Freigabe.

 

 

 

Krieg über unserer Heimat

Tagebuchaufzeichnungen von Anneliese Schneider geb. Bräuchle, über die letzten Tage des zweiten Weltkrieges, in welchen Hüffenhardt von den Amerikanern eingenommen wurde, bis hin zu der Zeit, als die ersten Heimatvertriebenen in Hüffenhardt angekommen sind.

Wochenende vom 24. März 1945. Flüchtlingsströme kommen aus Mannheim. Der Amerikaner steht vor Ludwigshafen. Alles will fort, fort. Deutsche und Ausländer, alles will tiefer ins Land. Auf der Landstraße bieten sich einem Bilder zum Weinen. Mütter mit Kindern, Säuglingen, ohne Verpflegung, ohne Milch, todmüde, fast nicht mehr fähig weiterzuwandern ihrem Ziele entgegen, das noch viele, viele Kilometer entfernt ist. Viele aber, die ziellos wandern, denen keine Mutter eine Heimat bietet, weil sie allein sind, weil sie keinen Menschen haben zu dem sie gehen können. Sie wandern ziellos , heimatlos. "Arme Menschen wohin geht Euer Weg ? Wird auch Euch wieder ein heller Stern leuchten !

Samstag 24.März: Ohne Unterlaß Flüchtlingsströme aus Mannheim. - Den ganzen Tag treiben die Jabos (Jagdbomber) ihr furchtbares Handwerk.

Es wird Abend. Ein kleines Trüppchen Flüchtender sucht in unserem Dorf Nachtquartier. Es ist eine Familie, Vater, Mutter, vier Kinder. Sie führen einen großen schwer beladenen Handwagen mit sich. Die zwei Kleinsten, acht und zehn Jahre alt, an der Deichsel, die anderen schieben. Sie wollen bei uns in der Scheune schlafen, und wir nehmen sie auf. Sie kochen sich ihr Abendessen in unserer Küche und entwickeln einen recht guten Appetit. Familie Schuhböck, eine sehr nette Familie, stammt aus Salzburg, Herr Schuhböck war Eisenbahnbeamter in Mannheim. Vier Kinder, drei prächtige Jungens und ein Mädel haben diese Leute. Eine Familie, an der man seine Freude hat. Die Kinder, alle sehr musikalisch, musizieren am Abend noch mit ihrem Vater, die zwei großen Buben tanzen den bayrischen Nationaltanz, den Schuhplattler. Ziemlich vergnügt ziehen sie sich dann zurück auf ihr bescheidenes Lager. Wir wollen uns auch zur Ruhe begeben, da klopft es. Fünf Soldaten bitten um Nachtquartier in der Scheune. Wir beherbergen sie in der anderen Scheune. Es sind Soldaten, die aus dem Lazarett entlassen auf dem Weg zur Genesungskompanie sind. Da der ganze Zugverkehr unterbrochen ist muß alles zu Fuß gemacht werden.

Sonntag 25. März: Die fünf Soldaten treten ziemlich früh ihren Marsch wieder an. Familie Schuhböck bleibt über Sonntag bei uns. - Tagsüber starke Jabotätigkeit,- Die Front rückt näher. Bis Wollenberg liegt deutsches Militär. Die Ereignisse überstürzen sich.

Montag 26. März:  Familie Schuhböck rüstet sich zur Weiterfahrt, der Himmel ist etwas bedeckt, also Aussicht, daß die Jabotätigkeit ein wenig geringer ist. Um ½ 10 Uhr zieht Familie Schuhböck weiter. Das Endziel ist Aalen in Württemberg, 125 km von hier weg. Es fängt leicht an zu regnen. Am Abend : Eine Sanitätscompanie quartiert sich hier ein. Herr Bohnenstengel, der Bursche des Chefarztes kommt zu uns ins Quartier. Er ist ein angenehmer Quartiergast, ein pommerscher Landsmann. - Die Arbeitsmaiden kommen, sich zu verabschieden, das RAD-Lager (Reichsarbeitsdienst) muß geräumt werden, weil die Lage bedrohlich wird. In der Nacht um 2 Uhr wandern die Maiden ab, Württemberg zu. -  Diese Nacht ziehen die ersten deutschen Kolonnen hier durch, unaufhörlich, ohne Pause.

Dienstag 27. März: Bei Morgendämmerung zieht eine Ostkompanie (Russen die auf deutsche Seite kämpfen) durch. Sie unterbricht ihren Marsch und bleibt den Tag über in Hüffenhardt. Unsere beiden Scheunen sind belagert. Zwei Mann vom Verbindungspersonal kehren bei uns ein und verbringen der. Tag bei uns. Als der Abend dämmert, zieht die Ostkompanie weiter, zum Abschied singt sie eine wehmütig klingende russische Volksweise. Herr Bohnenstengel ist noch unser Gast. Der Amerikaner ist weiter vorgestoßen. In der Nacht ziehen ohne Pause die deutschen Militärkolonnen durch unseren Ort. - Erste Sprengung in Siegelsbach.

Mittwoch, 28. März: Der Tag verlauft ziemlich ruhig. Geringe Jabotätigkeit. - Der Amerikaner hat Weinheim genommen. - Herr Bohnenstengel ist noch bei uns. - Starke Truppenverschiebung bei Nacht.

Donnerstag, 29. März: Tagsüber ist es ruhig. Gegen Abend rückt die: Sanitätskompanie ab. Herr Bohnenstengel muß uns nun verlassen, was uns beiderseits sehr leid tut. Wir werden gern und oft an ihn denken. - Das Quartier wird sofort wieder aufgenommen.' Zwei Generalstabsoffiziere sollen es beziehen. Am Abend trifft noch ein Quartiergast bei uns ein, Stabsgefreiter Hans Höcker. Er zieht in Tante Bertas Wohnzimmer, die beiden Offiziere kommen an diesem Abend nicht mehr. - Der Amerikaner ist weiter vorgestoßen, die Panzerspitze steht bei Eberbach.

Karfreitag, 30. März: Am frühen Morgen sind starke Sprengungen in Siegelsbach. An unserer Scheune hat es Ziegel heruntergeworfen. - Vormittags ziehen die zwei gemeldeten Offiziere ein, zwei Oberleutnants. Sie sind den ganzen Tag in ihrem Dienstzimmer, wir sehen sie kaum. Dagegen ist Hans Höcker den ganzen Nachmittag bei uns . Er ist ein Westfälinger aus Herford. - Am Nachmittag wieder starke Sprengungen in Siegelsbach. Der Amerikaner nähert sich. Heidelberg ist in seiner Hand, es wurde als freie Stadt erklärt und ist somit ohne Kampf übergeben worden

Samstag, 31. März; Am Morgen tritt Hans Höcker seine Weiterfahrt an. Ein Offizier, Herr Leutnant Schön,, quartiert sich bei Tante Berta ein. Er bringt die Meldung, daß eine amerikanische Panzerspitze Panzerspitze bis Buchen vorgestoßen sei. Die starken Sprengungen in Siegelsbach, ausgenommen, verläuft der Tag sonst ruhig. Man rüstet sich zu Ostern.

Am Nachmittag hört man, Panzerspitzen seien bis Meckesheim vorgedrungen. Plötzlich, kommt Leutnant Schön, sich zu verabschie­den. Uns und ihm tut es leid, daß sein Hiersein von so kurzer Dauer war. Er war ein gerngesehener Gast. - Auch der Generalstab rückt ab. Unsere Offiziere nehmen Abschied.— Noch bevor sie weg sind, kehren neue Gäste bei uns ein. Ein Oberleutnant und ein Unteroffizier, letzterer ein Ritterkreuzträger. Es sind dies Männer vom Auffangstab, ihre Aufgabe ist, versprengten Soldaten wieder zu ihrer Truppe zu verhelfen. Nachdem sie beide ihr Abendbrot zu sich genommen haben sitzen wir gemütlich beisam­men. Plötzlich schrecken uns wieder starke Sprengungen von Sie­gelsbach, aus unserer friedlichen Stimmung auf, erinnern uns, daß böser ernster Krieg um uns ist. Wir richten unseren zwei Quartiergästen noch ein Bad. Sie sind glücklich darüber und, wie sie beide behaupten, fühlen sie sich wie neu geboren hernach. Wir sitzen noch eine Weile gemütlich beisammen, bei Petroleumlicht, der Strom ist weg. Unsere Soldaten erzählen von zu Hause. Der Oberleutnant stammt aus Schlesien. Er ist Besitzer zweier großer Güter. Dieser Mann mußte schon erfahren welches grenzenlose Elend und wieviel bitteres Herzeleid das kleine Wörtchen "Krieg" in sich verbirgt,, all sein Hab und Gut ist nun in russischer Hand. Wer weiß, ob er jemals wieder über seine Heimatscholle, seinen eigenen Grund und Boden gehen darf ob er seine Lieben wiedersieht. Unteroffizier Funk ist ein Wiener einer der Tapfersten Deutschen. Zehn Auszeichnungen schmücken seine Brust. Vom Eisernen Kreuz bis zum Ritterkreuz und noch viele Tapferkeitsauszeichnungen . Seine Familie wohnt in Wien, aber er hat seit Weihnachten kein Lebenszeichen von ihr. Ob sie noch leben, ob er wieder einmal sich mit ihnen freu­en darf. Arme Menschheit was hat der Krieg über dich gebracht, Elend, Kummer, Herzeleid. Alle haben es spüren müssen. Ach diese Spuren werden sich nie verwischen lassen, niemals.

Ostersonntag, 1.April Ostern ist heute. Für Klein-Ingrid hat der Osterhase im Garten seine Eier gelegt. Glückstrahlend bringt sie ihren Fund nach Hause und zeigt ihn jedem der ihr begegnet. Glückliche Kinder, was wißt ihr von all dem Schweren, das um euch vorgeht.

Die Front rückt näher von Stunde zu Stunde. Die Glocken rufen noch einmal zum Gottesdienst. Es sind nicht sehr viele, die diesem Ruf folgen, die Osterbotschaft zu verneinen. - Gegen Mittag steht der Amerikaner in Helmstadt. Die Stunden sind gezählt, bis er zu uns kommt. Voll innerer Unruhe und Spannung nimmt man das Mittagsmahl ein. Alles ist sichtlich aufgeregt. Der Herr Oberleutnant versucht, beruhigend auf uns einzureden, auch der Wiener Humor des Unteroffiziers Funk tut gute Dienste um das gute Osteressen in der Aufregung nicht ganz ohne Genuß und Appetit in sich aufzunehmen. Vater fehlt beim Mittagessen , er bekam am Vormittag Befehl, Flakgeschütze, die in unserer Gemarkung standen wegzuführen. Hoffentlich geht alles gut bei ihm, noch mehr Männer sind mit ihm weg. - Nach dem Essen rüsten sich Herr Oberleutnant und Unteroffizier Funk zur Weiterfahrt. Es berührt uns sehr wehmütig, sind wir uns doch klar, daß dies die letzte deutsche Einquartierung ist.. Wir geben ihnen noch manches, mit als Wegzehrung,. ein dankbar, glücklicher Blick aus beider Auge lohnt es uns und der Oberleutnant meint :"Ist ja grad wie bei Mutter zu Hause." Beide verabschieden sich. Unter­offizier Funk schenkt uns noch ein Bild von sich. Der Oberleut­nant wünscht uns sehr herzlich, daß wir unser Heim und unseren Hof behalten dürfen und die nächsten Stunden und Tage gut über­stehen. Er weiß ja was es heißt, sein Heim zu verlieren. Noch ein grüßender Blick von ihnen, die Pflicht ruft, sie müssen weg.

"Nun habt Ihr uns verlassen, Ihr Beiden, seit weitergegangen einem Ungewissen Schicksal entgegen. Wir denken noch viel an Euch, Ihr beiden letzten deutschen Soldaten. Wir vergessen Euch nicht, wenn auch Monate und Jahre vergehen, vielleicht fliegt uns doch einmal ein Gruß von Euch Beiden zu. Behüt Euch Gott allezeit."

Der Geschützdonner rückt näher, deutsche Soldaten ziehen, von Westen kommend, durch unser Dorf. Manchem reichen wir noch eine Erfrischung. Sie sind dankbar für ein Gläschen Most und ziehen weiter. Viele sind es die kommen und gehen. Werden auch welche bleiben, um Hüffenhardt zu verteidigen ? Voll Angst und bangen stellt man sich die Frage und im Innern wünscht jedes, daß auch hier wie in anderen Orten keine Kampfhandlungen stattfinden. Immer noch kommen Soldaten, vereinzelt in kleineren Truppen, müde ziehen manche vorbei. Hin und . wieder auch ein mit Pferden bespannter Wagen oder ein Geschütz. Sie ziehen vorbei. Da plötz­lich, was ist denn das, wozu stehen Geschütze an der Kirche?? Eine bange Ahnung beschleicht uns alle. Hüffenhardt wird verteidigt werden. Wir fragen die Soldaten, ob sie weitergehen, sie antworteten uns :"Wir führen unseren Befehl aus." Da war es uns klar, was unser wartet. Gleich darauf werden Bäume gesprengt für die Panzersperre.  Ganz nahe donnern schon die Geschütze.

Wir stehen vorne an der Straße, gesprochen wird nicht viel, alles harrt mit Bangen der Dinge die da kommen sollen.. Plötzlich es ist ½ 4 Uhr da donnert ein Geschütz und eine Granate pfeift. Irgendwo in der Reisengasse schlägt sie ein. Nun ist es höchste Zeit von der Straße zu verschwinden, den Schutzraum aufzusuchen. Einige zögern noch da pfeift die zweite Granate. Sie schlägt bei Gustav Schneiders Werkstatt ein. 18 Personen suchen in unserem Keller Schutz. Da die Dritte. Wir hören Ziegel fallen, das Rat­haus hat einen Volltreffer.  Es bleibt nun eine Weile ruhig. Hedwig und Frau Hartmann gehen ins Haus, alle Fenster auszuhän­gen. Frau Hambrecht ist auch oben im Hof. Da plötzlich ein fürch­terliches Krachen,  und nochmal und ein drittes Mal- Das war bei  uns,  wir sehen das Feuer über unseren Hof huschen,  ein furchtbarer Qualm steigt aus unserem Holstall. Wo ist Hedwig, wo Frau Hartmann, wo Frau Hambrecht ? Hedwig ist die erste die unter der Kellertüre erscheint. Hinter ihr sehen wir ungeheure Rauchschwaden sich aus dem Holzstall drängen. Was tun wenn es jetzt brennen würde. Ich gehe die Kellertreppen hoch, sehe Frau Hartmann kommen und höre Hilferufe von Frau Hambrecht. Sie kommt auf einem Fuß und kann nicht mehr weiter. Wir eilen zu ihr. O weh, ein Granatsplitter hat ihr die ganze Ferse abgerissen, der Fuß sieht sehr schlimm aus. Wir tragen sie in den Keller, die Kinder von Frau Hambrecht fangen entsetzlich an zu weine und zu toben. Ich rufe Irmgard Freyh, da diese ja Rotkreuzhel­ferin ist.  Sie  kommt  und  hilft.  Langsam läßt  der Rauch im Holzstall nach. Kaum ist bei Frau Hambrecht das Nötigste gesche­hen, kommt Richard Hofmann und bittet Irmgard, doch zu ihnen zu kommen, Gustav Uhle habe einen Splitter im Bauch, seine Frau im Kopf und eine andere Frau einen im Arm. Sie geht auch dorthin und tut ihre Pflicht. Während dieser Zeit fällt mancher Schuß. Meistens sind Pausen von 15 - 20 Minuten und dann kommen drei Granaten auf einmal.  Wir sitzen und lauschen. Das  Rauchen im Holzstall hat aufgehört  wir  atmen auf,  also war hier keine Brandgefahr mehr vorhanden. Jetzt beginnen die MG (Maschinenge­wehre) zu schießen. Es rattert und rattert. Unzählige Geschosse schlagen in die Scheunenwand, unter der wir im Keller sitzen. Kaum wagt sich jemand zu rühren. Die Artillerie schießt jetzt ganz bei uns ab, also sie ist keine Gefahr mehr für uns. Gustav Schneider,  der einzige Mann im Keller, ein alter Krieger des Krieges 1914/18 gibt uns darin Aufschluß. Wir sind etwas beru­higter.  Viertelstunde  um Viertelstunde verrinnt.  Die MG feuern wie wahnsinnig. Eine kleine Ewigkeit dünkt uns diese Zeit. Wir lauschen immer. Auf einmal, man hört Motorengeräusch. Sind es amerikanische  Panzer  die  einfahren  und  mit  deren Erscheinen die Hauptsache des Kampfes vorbei ist ? Nein es ist nur der Motor des amerikanischen Artilleriebeobachters,  der die Kampf­handlungen leitet, weiter warten wir und lauschen. Wie wütend rattern die MG. Da plötzlich hört man Laute. Kommandorufe, wir horchen auf, sind es die von deutschen oder amerikanischen Offi­zieren. Es sind keine deutschen Worte, die an unser Ohr dringen, die Gefühle die uns in diesem Augenblick beschleichen, lassen sich nicht in Worte kleiden und zu Papier bringen, aber sie sind trotzdem geschrieben mit feurigen Lettern in einem Buch, das sich Gedächtnis nennt. Nichts wird diese Buchstaben auslö­schen, so lange unser Herz schlägt.

Nun haben die Amerikaner unser Dorf genommen. Noch feuern die MG, der Kampf ist noch nicht zu Ende. Langsam verstummen die Maschinengewehre. Es wird still der Kampf ist zu Ende.

Oben im Hof schnattern die Gänse. Noch wagen wir nicht aus dem Keller zu gehen. 3 ½ Stunden, bange Stunden haben wir hier gesessen. Jetzt klopft es an die Türe, eine Männerstimme ruft, wir sollen doch aus dem Keller gehen, das Dorf stehe in Flammen. Wir verlassen den Keller, starke Dämmerung hüllt die Erde ein aber zu dem klaren Osterhimmel steigen glühendrote Feuerschwaden empor.  Ein  schauriges  Bild.  Im  Hinterdorf  hat  das  Feuer entsetzlich um sich gegriffen, aber auch in der Mitte des Dorfes, bei Ludwig Hagner, Fritz Krieger und Eisenbeißer schlagen Flammen zum Himmel empor. Vater ist noch nicht zurück, wir bangen sehr um ihn. Wo wird er sein ? - Wir gehen, helfen den Feuerbedrohten ihre Habe zu bergen. Das Vieh wird aus den bereits brennenden Ställen getrieben, es versucht immer wieder zurück zu gehen. Aber mit viel Mühe gelingt es doch, es davon fern zu halten. Die Feuerwehr arbeitet um den Brand einzudämmen, alles ist schon gerichtet,  der Hydrant wird geöffnet,  es kommt kein Wasser. Oh Schreck, wie soll man die Gewalt des Feuers brechen, wenn das  Wasser  versagt.  Die  Motorspritze  arbeitet  schon  im Hinterdorf,  aber in der Dorfmitte greift das Feuer um sich, schon fängt die Scheuer von Fritz Schneider an zu brennen. Jetzt kommen die Saug- und Druckspritzen. Wasser wird getragen. Im Augenblick brennt die Scheune von Schneiders lichterloh. Ob wohl unser Großelternhaus zu retten ist? Mit Bangen sehen wir wie der Wind die sprühenden Funken in diese Richtung jagt. Aber unermüdlich steht Onkel Rudolf auf dem Speicher, spritzt mit seiner  Imkerspritze  Schindel  und  Dachsparren,  Holzläden  und die Balken des Fachwerks.  Jetzt stürzt die Scheune in sich zusammen.  Die Hauptgefahr  für Barths Haus ist vorüber,  aber noch steht Onkel Rudolf im Speicher und tut sein Möglichstes. Hedwig und Mutter feuchten eine Zeit lang Läden und Fachwerk­balken an der Großeltern ihrer Wohnung an. Es gelingt das Haus zu retten. Aber inzwischen greift das Feuer auf die beiden Wohn­häuser von Fritz Schneider und Ludwig Hagner über. Alles arbei­tet um auch diese beiden Häuser zu retten. Es gelingt auch dies. Die Gewalt des Feuers ist an dieser Brandstelle gebrochen. Noch tragen wir unermüdlich Wasser. Ein Glück, daß die alten Brunnen noch da sind, sie spenden Wasser ohne Unterlaß. Im Hinterdorf ist die Gefahr auch vorbei. Hier hat das Feuer furchtbar gewütet. Die ganzen Gebäude meiner Schwägerin (Johanna Hübner) sind dem Feuer zum Opfer gefallen, ferner Stall und Scheune von Luise Mann, die Scheunen von Ernst Hagner und Rudolf Laumann und Stall und Scheune von Rudolf Eckert. Bei ihm war es nicht mehr möglich das Vieh in Sicherheit zu bringen. Drei Kühe sind in den Flammen umgekommen. Außer diesen beiden großen Brandherden  im Mittel- und Hinterdorf hatten wir noch drei kleinere Brandstellen. Das Wohnhaus von Veith,  die Scheune von Alwin Schneider und die Feldscheune von Rudolf Eckert wurden dort ein Raub der Flammen. Einige  Speicherbrände  konnten  im  entstehen  gelöscht  werden. Viel Elend haben diese wenigen Stunden über unser Dorf gebracht. Während dem wir beim Löschen beschäftigt sind,  rollen immer amerikanische Fahrzeuge und Panzer durch unseren Ort. Hin und wieder geht auch eine Patrouille durch die Straßen. Eigen ist es einem zu Mute. Spät nach Mitternacht gehen wir nach Hause, todmüde. Die Gefahr ist vorbei. Wir legen uns, ein wenig zu ruhen. Ein Panzer nach dem anderen rollt an unserem Haus vorbei und zwar in entgegengesetzter Richtung. Es wird uns unheimlich. Der Krieg wird doch nicht nochmals über uns kommen. Wir ziehen vor die Nacht im Keller zu verbringen.

Frau Hartmann bleibt im Haus. Wir machen es uns im Keller gemüt­lich, todmüde sind wir gerade am einschlafen. Wir hören, daß ein Panzer in unseren Hof fährt. Das läßt uns aufhorchen, im Augenblick sind wir wach. Einige Minuten später klopft es an die Kellertür. Frau Hartmann ist es, sie meldet Einquartierung. Ich gehe mit ihr ins Haus. Vor mir stehen zwei Amerikaner, der

eine gibt mir zu verstehen, daß vier Mann hier schlafen wollen. Wir richten vier Betten,  aber er ist damit nicht zufrieden, er will uns etwas fragen,  aber wir verstehen nicht. Da geht er uns voran mit seiner Lampe, öffnet jede Türe, leuchtet in das Zimmer und geht weiter zur nächsten Türe. Als er Klein-Ingrid im Bett liegen sieht, streicht er ganz sanft über die rosigen Wangen des Kindes. Vielleicht hat auch er zu Hause so ein Kleines und wurde durch dieses wehmütig daran erinnert. Frau Hartmann und ich begeben uns nun zur Ruhe, wir schlafen in Tante Bertas Schlafzimmer.  Die Ruhe ist kurz für uns, nur einige Stunden. An den Brandstellen aber wird noch gearbeitet bis an den frühen Morgen.

Ostermontag, 2. April; Um ¼ 6 Uhr morgens kommt Vater endlich. Er war schon am Spätnachmittag im Haßmersheimer Wald war aber durch die Kampfhandlungen verhindert, mit dem Fuhrwerk ins Dorf zu fahren. Karl Guth war noch bei ihm. So schafften sie sich mehr Neckarmühlbach zu und übersahen vom Schindwald aus, soweit es ihnen möglich war die Lage. Voll innerer Unruhe über das, was ihrer wartet, begaben sie sich am frühen Morgen auf den Weg, sahen sie doch von Ferne, daß große Brände im Dorf wüteten, und keiner wußte, ob nicht auch sein Heim ein Opfer der Flammen wurde. Ein trauriges Bild bietet sich ihren Augen. Wohl treffen sie beide ihr eigenes Heim ziemlich gut an, aber im ganzen Dorf haben sich die Spuren des Krieges tief eingegraben. Viele Häuser und Scheunen haben Artillerievolltreffer. Da ein Treffer, hier zwei oder drei, ja sogar vier und fünf Treffer an einem Gebäude, ab und zu auch Schaden durch MG-Beschuß, aber am tiefsten sind die Kriegsspuren an den Stellen da noch immer der Rauch aus den Trümmern emporsteigt. Ein trauriger Anblick. - Vater geht zuerst in den Keller, denn Mutter und Hedwig sind noch dort. Der zweite Ostertag beginnt. Von den einquartierten Amerikanern merkt man noch nichts, sie schlafen noch. Nachdem ich Kaffee getrunken habe, gehe ich zu Johanna (Hübner) ins Hinterdorf und helfe noch. Es ist uns möglich noch verschiedene Sachen aus dem Keller zu bergen. Da erst sieht man, wie wichtig Dinge sind, die man im alltäglichem Leben für do unwichtig betrachtet. Den ganzen Morgen schleppen wir noch Wasser, denn immer wieder flammt irgendwo das Feuer wieder auf. Als ich Mittags heimkomme sitzt die ganze Küche voller amerikanischer Soldaten. Sie kochen sich Kaffee, essen, halten große Wäsche und machen es sich gemüt­lich. Auch im Schlafzimmer, im Wohnzimmer und in Tante Bertas Wohnung haben sich welche zur Ruhe gelegt. Mindestens fünfzig Amerikaner kommen an diesem Morgen in unser Haus, sie sind alle sehr, sehr anständig. Gegen Mittag kommt plötzlich ein Amerikaner gibt einen kurzen Befehl und im Augenblick waren sie alle ihm gefolgt. Es ging weiter. Ununterbrochen, ohne Pause rollen den ganzen Vormittag die riesigen Kolosse der amerikanischen Panzer und unzählige Fahrzeuge durch die Straßen und auch am Nachmittag geht es so weiter. Um ½ 2 Uhr hört man, auf Befehl der Ameri­kaner soll das Oberdorf und die Reisengasse geräumt werden.

Artillerie soll dort aufgestellt werden. Das ganze Dorf war in Aufregung. Ist es wohl besser, die Bewohner der übrigen Ortsteile gehen auch weg ? Viele packen ihr Wägelchen und ziehen vor den Ort. Wir ziehen vor in den Keller zu gehen. Unser Keller ist wieder gesteckt voll. 35 Personen sind wir beisammen. Wir sitzen den ganzen Nachmittag unten, aber es kommt nichts, wir sind froh, als wir gegen 5 Uhr wieder aus dem Keller gehen und nichts geschehen ist. Am Nachmittag wird bekannt gegeben, daß sämtliche Waffen, Munition und Fotoapparate abgegeben werden müssen und ab 6 Uhr abends sich niemand mehr auf der Straße befinden darf. Das sind die ersten Bestimmungen der Amerikaner. Sonst verläuft der erste Tag unter amerikanischer Besatzung ruhig. Der Abend dämmert, die Nacht bricht herein, unter dem steten Rollen der amerikanischen Panzer und Fahrzeuge. - In der Nacht müssen verschiedene Familien ausquartieren, weil amerikanische Soldaten für die Nacht die Wohnung in Beschlag nehmen. Die Leute dürfen teils in den Kellern schlafen, teils müssen sie aber auch ganz aus dem Hause, je nachdem wie es die Amerikaner verlangen.

Dienstag, 3. April: Der Tag beginnt. Panzer und Fahrzeuge rollen ununterbrochen am Haus vorbei, über Siegelsbach, Rappenau, Jagstfeld zu. Dort leisten die deutschen Truppen heftigen Wider­stand. Wir hören starkes Artilleriefeuer von der Front. Mit wehmütigem Gefühl vernimmt man, daß drei deutsche Soldaten bei der Verteidigung von Hüffenhardt ihr Leben lassen mußten. "Gefallen bei Hüffenhardt." Wer hätte geahnt, daß auch unsere Erde einmal deutsches Soldatenblut trinken muß.

"Ihr drei Soldaten seid treu Eurem Fahneneid gefallen, Ihr habt unsere Erde geweiht und geheiligt. Um unsere Heimaterde habt Ihr gekämpft, auf unserer Heimaterde seid ihr gestorben und nun ruht still und sanft in Eurem Grabe, das sie Euch bietet. Wir wollen zu Euch kommen, wollen Euer Grab mit Blumen schmücken mit Blumen, schmücken und vor Eurem Grabe wollen wir derer geden­ken, die wir so sehr liebten und unser Eigen nannten und die weit über Deutschlands Grenzen haben sterben müssen und dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Keine deutsche Hand wird jene stillen Hügel schmücken, keine Blume wird darauf erblühen, nur die ewig rauschende Melodie des Windes wird darüber hinstreichen."

Während des Tages kommen hunderte ausländischer Arbeiter aus dem Neckartal hier durch betteln um Brot usw. und ziehen weiter. Auf Anordnung der Amerikaner ist die Ausgangszeit geändert, wir dürfen nur 4 Stunden am Tage auf der Straße, morgens von 8-10 und am Nachmittag von 3-5 Uhr. Die Zeit ist sehr knapp, denn, denn dadurch, daß wir keinen elektrischen Strom haben, ist auch kein Wasser da. Das ganze Wasser fürs Vieh, sowie für den Haushalt muß an den Brunnen geholt werden. Diese Arbeit nimmt viel Zeit weg. - Am Nachmittag wird Vater gebeten, Gustav Uhle und seine Frau nach Rappenau ins Sanatorium zu fahren. Karl Schneider fährt Frau. Hambrecht und Ludwig Sigmann. Um ½ 5 Uhr fahren sie weg. Fräulein Dr. Müller, die Nichte von Pfarrers, die die Patienten bisher ärztlich betreut hat, fährt auch mit. An diesem Abend werden sie wohl nicht mehr zurück­fahren können, sie müssen die Nacht über in Rappenau bleiben. Auch in dieser Nacht müssen verschiedene Familien ihre Häuser den Amerikanern freimachen bis zum nächsten Morgen.

Mittwoch, 4. April ; Die Nacht ist vorüber. Kaum haben wir unser Tagwerk begonnen, kommen einige amerikanische Soldaten in unseren Hof, sie gehen in den Stall und Scheune, in den Schweinestall und in den  in den Keller. Überall schauen sie durch, im Keller halten sie sich lange auf, durchsuchen den Vorratsschrank und nehmen verschiedenes mit, einige Gläser Eingedünstetes, ein paar Flaschen Süßmost, ein paar Eier, usw. So geschah es an diesem Morgen in einigen Häusern. Vater kommt erst am Nachmittag um ½ 5 Uhr wieder von Rappenau. Die amerikanische Kommandantur erlaubte ihnen nicht eher wegzufahren. - Die Ströme der auslän­dischen Arbeiter vom Neckartal mehren sich, es wird geradezu unheimlich. Sie beginnen zu plündern, wer will ihnen wehren? Mitunter werden sie handgreiflich, teilweise handeln sie entsetzlich. - Wie in den zwei vorgehenden Nächten kommt auch heute wieder amerikanische Einquartierung. Diesmal sind es lauter Schwarze. Wir dürfen wieder in unserem Haus bleiben

Donnerstag, 5. April : Gegen Mittag zieht die amerikanische Wagenkolonne mit den Schwarzen ab, der Front zu. Noch immer leisten die deutschen Truppen bei Jagstfeld heftigen Widerstand. - Auch die am Tag zuvor so hausenden Ausländer, meist Russen, ziehen am Vormittag weiter Richtung Westen. Gleich nach Mittag scharen sich die hier arbeitenden Russen zusammen, teilweise wollen auch sie weg, sie fürchten einen deutschen Durchbruch. Ein Amerikaner habe zu ihnen gesagt, dieses Gebiet würde den Deutschen wieder übergeben werden, sie sollen doch weggehen. So läßt sich einer nach dem anderen beeinflussen wegzugehen. Sonderbarerweise fahren auch alle amerikanischen Fahrzeuge die entgegengesetzte Richtung als sonst. Man fragt sich selbst was werden soll, werden wir nochmals den Krieg über unser Dorf be­kommen. Viele Russen packen ihre Bündel und gehen. Auch unsere Maria und ihr Mann machen sich auf den Weg. Alexander überlegt sich noch ob er gehen will oder bleiben. Was wird denen bevorstehen, die so ins Ungewisse ziehen.

Freitag, 6. April: Maria und ihr Mann ist wieder gekommen und mit ihnen noch viele andere. Sie kamen nur bis Helmstadt dort hat ihnen ein amerikanischer Sanitäter den Rat gegeben, wieder zurückzugehen zum Bauer, dort hätten sie Arbeit und Brot und dort sollen sie das Kriegsende abwarten, - Gegen Mittag kommt die Nachricht, daß Ludwig Sigmann seinen Verletzungen erlegen ist. Auch ein Opfer des Krieges. - Am Nachmittag decken wir unser Dach im Holzstall, das am Sonntag durch Artillerievolltref­fer zerstört wurde. - Die Nacht verläuft ruhig, ohne nennenswerte Zwischenfälle.

Samstag, 7. April: Im Jagsttal halten die Deutschen noch immer verstärkten Widerstand. Auch bei Eppingen ist Kampfgebiet. Von beiden Abschnitten hören wir Geschützdonner. Amerikanische Flie­ger greifen in die Kampfhandlungen ein. Es folgt eine ruhige Nacht, nur das pausenlose Rollen amerikanischer Fahrzeuge läßt uns manchmal aus dem Schlaf aufschrecken. Der in Richtung Süd­osten von Feuerschein erhellte Nachthimmel zeugt von großen Bränden in den Kampfgebieten.

Sonntag, 8.April: Die Deutschen halten noch immer im Jagsttal großen Widerstand. Die Geschütze donnern heftig. Gegen Mittag fliegt Bomberverband auf Bomberverband in dieser Richtung. Wir hören wie sie die Bombenteppiche absetzen, einer nach dem andern. "Arme Menschen, die Ihr in dieser Hölle seid, welches Elend, wel­che Zerstörung, welche Not muß bei Euch herrschen, bei Euch über die der Krieg in so harter entsetzlicher Form hinweggeht." Gegen 5 Uhr nachmittags bitten 4 Mann bei uns um Nachtquartier. Sie kommen von Jagstfeld, gerade aus dieser Hölle.

Sie waren in Jagstfeld Dienstverpflichtet und sind nun auf dem Wege nachhause ins Saarland. Wir nehmen sie auf und geben ihnen zu essen. Sie erzählen uns wie hart die Kämpfe im Jagsttal waren und daß der Amerikaner Jagstfeld nun eingenommen hat. Wir sitzen am Abend noch ein Weilchen beim Kerzenschein und unterhalten uns. - Die Nacht ist ziemlich ruhig.

Montag, 9. April: Um 8 Uhr in der Frühe ziehen unsere vier Saarländer wieder weiter. Noch hört man Geschützdonner aus dem Jagsttal. Am Nachmittag gehen wir zum ersten Mal wieder aufs Feld. Wie herrlich ist doch die Natur, in ihrer ganzen Frühlings­pracht steht sie da. Nichts kann sie hindern an ihrem Grünen und Blühen. Ob böser Krieg über die Erde tobt, sie breitet doch ihren Blütenteppich darüber aus. Sie will dem Menschen heraus­helfen aus dem Dunkel, dem Elend, das der Krieg übers Land brei­tet. Freude möchte sie spenden jedem traurigen Herzen, Sonne möchte sie tragen in jedes dunkle Stübchen. Aber viele Menschen sehen es nicht, sie sind blind geworden durch die Schwere der Zeit, sie sind taub geworden, sie hören nicht den bittenden Ruf der Natur, den sie jedem Menschen zuruft :"Freut Euch an mir, wenn Euch die arge Welt keine Freude mehr bieten kann." Viele hören diesen Ruf nicht, denn zu tief hat der Krieg seine Wunden geschlagen, zu tief sind seine Spuren in die Herzen gedrungen, Da hat keine Freude mehr Platz, da herrscht Leid, Sorge und Kummer, bei vielen aber auch Bitternis und Haß. "Ärmste Menschen, wer kann Euch helfen."

Dienstag, l0. April: Stärker als an den Vortagen tobt die Artil­lerie, der Haßmersheimer Wald ist gesperrt. Der Amerikaner ver­mutet einen deutschen Durchbruch im Jagsttal. Ganz nahe steht die amerikanische Artillerie. Wird der Krieg noch einmal über uns hinweggehen ?

Die Luftwaffe setzt ein. Als wir am Mittag heimkommen, hört man, daß Karl Sigmann und der Pole von Gustav Egler von den Amerikanern geschnappt wurden. Was wird ihnen geschehen. Am Nachmittag läßt das Schießen nach, es wird ruhiger, am Abend setzt noch einmal die amerikanische Luftwaffe ein. Der vom Feuer­schein helle Horizont, zeugt von heftigen Bränden, die im Jagst­tal wüten.

Mittwoch und Donnerstag, 11. u. 12.April; Die Tage verlaufen ziemlich ruhig, nach wie vor rollen die amerikanischen Fahrzeu­ge und Panzer durch unser Dorf der Front zu.

Freitag, 13.April: Bisher sind weiters noch keine Besatzungsbestimmungen bekannt. Als wir heute am Nachmittag vom Feld heimkommen sehen wir schon von weitem, daß am Rathaus sich viele Men­schen versammelt haben und etwas lesen. Als wir näher kommen sehen wir, daß große Plakate am Rathaus angeschlagen sind. Es sind die Verordnungen der amerikanischen Militärregierung.
Die wichtigste Anordnung für uns ist zunächst die Festsetzung der Ausgangszeit, von morgens 8 Uhr bis am Abend um 6 Uhr. Nach dieser Zeit patroulieren 3 amerikanische Soldaten durchs Ort.

Samstag, 14. April: Der Tag verläuft ruhig. Die Front hat sich weiter nach Osten und Südosten verlagert. Lebhafte Fliegertätig­keit am Tag.

Samstag 15.April : Zum ersten Male laden die Glocken wieder zum Gottesdienst ein. Viele folgen dem Ruf. Ein heißes Dankgefühl Gott gegenüber regt sich in jedem, er hat in diesen schweren Stunden seine Hand treulich über uns gehalten, daß nicht noch größeres Unglück unser Dorf heimsuchte. Er wird auch weiterhin mit uns sein. Am Nachmittag starke Fliegertätigkeit.

Montag, 16.April: Den ganzen Tag sehr starke Fliegertätigkeit. Am Nachmittag überfliegen riesige Bomberverbände unser Gebiet in Richtung Südosten. - Der Amerikaner steht 100 km vor Berlin.

Freitag,  20.April:  Bei uns ist es ruhig geworden,  die Woche verlief ohne nennenswerte Ereignisse. Heute ist die Beerdigung von Karl Schneider in der Staugasse. Da kommt Frau Binder von Siegelsbach. In Siegelsbach haben sie Strom, sie können Radio hören, hören wie es in der Welt zugeht, dagegen sind wir von aller Welt völlig abgeschlossen, hören nur Gespräche, die schon durch viele, viele Mäuler gegangen sind, bis sie zu uns kommen. Wir hungern förmlich nach einem Bericht von der Quelle. Wir wollen auch hören wie es in der Welt steht, wo der Amerikaner sich befindet, wie weit er vorgedrungen ist, wo der Russe und Engländer steht usw. Frau Binder sagt uns, daß in Nürnberg ge­kämpft wird,  daß  Stuttgart  eingekesselt ist,  daß in Leipzig Kämpfe sind, ach und noch vieles mehr. Von der Ostfront weiß sie nicht viel. Nun haben wir wieder etwas gehört vom Weltgesche­hen.  - Bei uns ist es stille geworden, wir sehen selten ein amerikanisches  Fahrzeug,  Panzer garkeine mehr.  Das Leben bei uns geht seinen gewohnten Gang. Wir befolgen die Besatzungsge­setze der Amerikaner und am Abend geht eine amerikanische Pa­trouille durchs Dorf. - Die ganzen Tage her war die amerikanische Luftwaffe sehr im Kampf eingesetzt. Bomberverbände auf Bomberver­bände überfliegen unser Gebiet in Richtung Südosten.

Montag, 23.April: Vater war heute in Neckarmühlbach, er trifft die Baronesse. Von ihr erfährt er wieder etwas vom Weltgeschehen, von der Front. Friedrichhafen ist von den Franzosen eingenommen. Nördlich von München sind heftige Kämpfe der Amerikaner, Dresden ist von den Russen eingenommen, in Bremen kämpft der Engländer. Schwerer russischer Artilleriebeschuß liegt über dem Tempelhofer Feld.

Dienstag, 24.April: Mit großer Freude stellen wir heute fest, daß unsere Wasserleitung wieder in Ordnung ist. Eine große Arbeitserleichterung wird uns dadurch zuteil, hatten wir doch jeden Tag 1 ½ bis 2 Stunden Arbeit, bis wir für Mensch und Vieh das Wasser herbeigeschafft hatten. Wir sind sehr froh, daß diese Sache nun wieder in Ordnung ist. Der Ganze Einsatz der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte gilt jetzt der Instand­setzung des übrigen Stromnetzes im Dorf, das bei der Verteidigung von Hüffenhardt großen Schaden gelitten hat.

Mittwoch, 25.April: Morgen will Frau Pätzold nach Karlsruhe. Sie versucht Frau Hartmann zu überreden mitzukommen, aber Frau Hartmann hat keine große Lust, sie fürchtet die Strapazen, die ein Marsch nach Karlsruhe mit sich bringt, nicht aushalten zu können. Wir können ihr nicht zureden, wir meinen Frau Pätzold handelt etwas überstürzt.

Donnerstag, 26.April: Frau Pätzold ist fort. Frau Hartmann ist nicht mit ihr gegangen. Sie hat vorgezogen hierzubleiben, bis irgendwie mal Nachricht aus Karlsruhe kommt. Man hört allerhand von der dortigen Gegend, die ja von französischen Truppen eingenommen wurde. Ob Frau Pätzold wiederkommt?

Freitag, 27.April: Heute haben wir elektrischen Strom. Zum ersten Mal schreibe ich heute bei diesem Licht. Seit 4 Wochen mußten wir es entbehren. Wir können nun auch wieder das Radio hören, sind nun nicht mehr abgeschlossen von aller Welt. Aber ach, was hört man ? Wir sind ein ganz, ganz armes Volk geworden, der Amerikaner und der Russe haben sich im Herzen Deutschlands, in dem geschichtlich bekannten Torgau die Hände gereicht. Dreiviertel der brennenden Stadt Berlin ist in russischer Hand, 65 km vor München steht der Amerikaner, der Ring um Stuttgart wurde enger geschlossen, Der Engländer macht an der Wasserkante große Fortschritte, die Franzosen sind im Schwarzwald vorgedrun­gen. - Göring hat sein Amt niedergelegt und hat mit seiner Fami­lie im Flugzeug Deutschland verlassen. O wie traurig, warum mußte alles so kommen, warum muß über ganz Deutschland der Krieg sich wälzen, warum muß alles in Trümmer geschossen werden, warum noch immer deutsches Blut fließen, warum? Konnte man nicht früher ein Einsehen haben, hätte man nicht viel Gut retten und viel Blut sparen können. Sechs Jahre mußten unsere braven tapfe­ren Soldaten kämpfen. Tausende und abertausende haben weit über Deutschlands Grenzen sterben müssen, ruhen dort in fremder Erde. Und nun? Ein großes Trümmerfeld ist unser Vaterland geworden. Mitten im Herzen Deutschlands steht der Amerikaner und der Russe. Zertrümmert liegen unsere Städte dar­nieder, zertrümmert sind viele Dörfer und Bauerngehöfte, von Granaten durchwühlt ist gute, fruchtbare deutsche Ackererde. Wozu, warum? Weil Deutschlands Führung sich geschworen hat, zu siegen in diesen Kampf oder unterzugehen. Armes deutsches Volk, wie wurdest du hinters Licht geführt, immer wurdest Du vertröstet auf die neue Waffe, auf den Sieg, wir wurden getröstet im Unglück, daß wir nicht wußten, woran wir sind. Armes Deutsch­land, dafür mußtest du die großen schweren Opfer bringen, um - unterzugehen.

Sonntag, 29.April: Heute in der Frühe erfährt man, daß Himmler gestern an Amerika und England ein Kapitulationsangebot gemacht hat. Das Angebot wurde aber von den Alliierten abgewiesen, weil es nicht an alle drei Großmächte gerichtet war. Man erwartet, daß in den nächsten Tagen von der deutschen Reichregierung auch Rußland die Kapitulation angeboten wird. Man fiebert förmlich nach Nachrichten, die über das Weltgeschehen berichten. Wird sich Deutschlands Regierung, endlich bereit erklären, auf eine bedingungslose Kapitulation einzugehen. Der weitere Kampf ist ja sinnlos, sollen noch mehr Opfer gebracht werden? Soll denn der kleine Teil Deutschlands, über den sich der Krieg noch nicht wälzte, auch noch ein Trümmerfeld werden? Könnte man doch diesem großen Elend endlich mal ein Ende machen. Wird es die deutsche Führung tun?

Dienstag, 1.Mai: Noch wartet man gespannt auf das Kapitulations­angebot der deutschen Reichsregierung an die Alliierten Mächte, aber bis jetzt vergebens. Wie lange werden sie den sinnlosen Kampf noch weiterführen.

Heute am 1. Mai haben die Russen die rote Flagge auf der Reichs­kanzlei gehißt, der Kampf um Berlin geht seinem Ende entgegen. Der Amerikaner ist in breiter Front über die Isar vorgestoßen und hat die Geburtsstadt Hitlers Braunau am Inn erreicht. Der Franzose ist bis Bregenz vorgedrungen. Immer tiefer dringen die Alliierten in Deutschland vor, wann endlich wird es kapitu­lieren? - Soeben ½ 11 Uhr abends meldet der Rundfunk: "Adolf Hitler ist heute gefallen." Hitler lebt nicht mehr, wird nun der Kampf aufhören? Hitler ist tot! Verhältnismäßig gelassen und kühl nimmt man diese Nachricht auf. In vielen, ja fast in allen Deut­schen sind die Gefühle für diese Männer erstorben, denn, man glaubte zuerst, sie sollten Deutschlands Retter sein, man umju­belte sie, man glaubte an sie, seine ganze Hoffnung setzte man auf sie, und statt dessen was man von ihnen erwartete, haben sie Deutschland zu Grunde gerichtet. Wieviel Blut mußte fließen", bestes deutsches Soldatenblut in fremder Erde und jetzt im Vater­land? Tausende und abertausende Soldaten mußten noch sterben jetzt in letzter Stunde, wo der Kampf doch vergebens ist. Warum können diese Opfer nicht erspart werden? Manche Mutter verliert jetzt noch ihren einzigen oder letzten Sohn, manche Frau wird in letzter Stunde noch Witwe und dies wozu, warum? Eben weil einige fanatische Köpfe sich geschworen haben, sich nicht zu beugen, dafür muß ein ganzes Volk bluten.

Mittwoch, 2.Mai: Großadmiral Dönitz ist an Hitlers Stelle getre­ten, er hat sich bereit erklärt, den Kampf weiterzuführen. Fast enttäuscht und erschrocken nimmt das deutsche Volk diese Bot­schaft auf, den Kampf weiterzuführen. Sind denn die Opfer noch nicht genug, die gebracht werden, man fragt sich wohin dies führen soll.

Donnerstag, 3.Mai: Täglich, ja stündlich warten wir, wartet die Welt auf das Kapitulationsangebot der deutschen Reichsregie­rung an alle drei Großmächte der alliierten Nationen, aber bis jetzt vergeblich. Heute meldet der Rundfunk, daß die gesamten deutsche Streitkräfte in Italien und Westösterreich kapituliert haben. Vielleicht folgen die anderen auch bald.

Freitag, 4.Mai: Noch ist nichts über eine allgemeine Kapitulation bekannt, aber ein großer Teil der noch kämpfenden deutschen Truppen hat auch heute wieder die Waffen gestreckt. Die ganzen deutschen Kräftegruppen in Nordwestdeutschland, in Holland und Dänemark haben sich zur Kapitulation bereit erklärt.

Samstag, 5.Mai: Auch heute meldet der Rundfunk wieder die Kapitu­lation von deutschen Streitkräften. Diesmal ist es die süddeut­sche Kampfgruppe, die sich ergeben hat. - Die Amerikaner haben heute den Berghof in Berchtesgaden besetzt. - Der Kampf gegen Rußland wird noch immer fortgesetzt.

Dienstag, 8.Mai: "Waffenstillstand in Europa." Heute gibt der Rundfunk die allgemeine bedingungslose Kapitulation Deutsch­lands an die alliierten Großmächte bekannt.

Nach fast sechs Jahren schweigen die Kanonen. Sechs Jahre lang der Donner der Geschütze über Europa, teils im Osten oder Westen, teils im Süden und Norden, in allen Gegenden tobte der Krieg, fast in allen Ländern hat er seine Spuren eingegraben, oft in grausamster Weise hat er seine Wunden geschlagen. Die Wunden werden heilen, aber überall wird die Narbe von der Härte des Schlages zeugen.

Armes Deutschland, wie tiefe Wunden sind dir geschlagen, wo sind deine blühenden Städte, wo deine Frauen und Kinder, die sich wohlfühlten im Getriebe der Großstadt, wo sind deine Millio­nen Soldaten, die singend voller Begeisterung und Jugendmut ausgezogen in den Kampf, wo sind tausende Bauernhöfe die trotzig dastanden und deren Bewohner das Brot für das deutsche Volk schafften. Ausgelöscht, verschwunden. Die Städte sind Trümmerhau­fen geworden unter dem Bombenhagel der englischen und amerikani­schen Flugzeuge. Millionen Frauen und Kinder liegen unter diesen Trümmern begraben. Unsere Soldaten sind ausgezogen, haben tapfer gekämpft und viele, viele mußten ihr Leben geben, sie ruhen fern der Heimat in fremder Erde, sie sehen ihre Lieben nicht mehr, sie kehren nie wieder. Viele aber von ihnen sind auf deut­schem Boden gestorben, haben deutschen Boden mit ihrem Blut getränkt. Millionen und Abermillionen sind eingerückt zur großen Armee, Ihr Marschtritt wird nie mehr dröhnen durch die Straßen unseres Vaterlandes, ihr helles jugendfrisches Singen wird kei­nes Deutschen Herz erfreuen, sie ruhen stumm unter dem stillen Hügel, der sie deckt, aber die Mutter oder die Frau eines manchen von diesen wartet mit Sehnsucht auf ihren Soldaten, sie weiß nicht, daß auch ihn dieses Soldatenschicksal ereilt hat. Große Opfer mußtest du bringen Deutsches Volle und nun bist du arm geworden, arm durch den radikalen unbeugsamen Willen eines fanatischen Menschen und dessen Mitarbeiter.

Mitte Juli: Wochen sind schon vergangen unter amerikanischer Besatzung, das Zeitenrad dreht sich unaufhörlich; das Leben geht weiter. Die Getreidefelder die beim Einzug der Amerikaner im jungen Grün standen, haben sich nun den goldenen Mantel der Reife übergeworfen und der laue Sommerwind spielt mit den prall­vollen Ähren.

Manches hat sich ereignet in diesen Wochen. Die alliierten Mächte haben ihre Besatzungszonen bezogen. Wir sind nach wie vor unter amerikanischer Verwaltung, die Pfalz dagegen wurde von den Fran­zosen besetzt, sowie ein großer Teil Süddeutschlands. Westdeutschland mit dem Ruhrgebiet fiel den Engländern zu, alles übrige verwaltet der Russe.

Das Leben geht wieder einigermaßen seinen geregelten Gang. Man geht seiner Arbeit nach, die man nun wieder ruhig, ohne die nervenaufreibende Angst vor den Jabos ausführen kann. In der Luft ist es still geworden, wohl hört man hin und wieder das Motorengeräusch von Flugzeugen, aber was kümmert einen das, es ist ja nicht das entsetzliche Geräusch der sich auf ihr Ziel stürzenden Jagdbomber, die überall wo sie sich auch zeigten Angst und Schrecken einflößten. Wir brauchen sie heute nicht mehr zu fürchten, die Flugzeuge, es ist ja Frieden, sie tun uns nichts mehr.

Allmählich kehren auch wieder unsere Soldaten zurück aus den Gefangenenlagern der alliierten Streitkräfte. Einige sind es schon die ihre Heimat erreicht haben, aber wie lange wird es dauern, bis sie alle zu Hause sind? Wochen und Monate werden vergehen müssen, vielleicht auch Jahre bis dies soweit sein wird. Ob sie auch alle wiederkehren?

Oft kommt es vor, daß es abends an unsere Tür klopft und ein Soldat aus dem Gefangenenlager kommend, bittet um Nachtquartier, um am nächsten Morgen seine Wanderung fortzusetzen. Oft sind die Strecken sehr groß, die so zu Fuß zurückgelegt werden müssen, denn eine Bahn geht noch nicht, aber wenns nach Hause geht ist kein Weg zu weit.

So ziehen auch die Evakuierten wieder in ihre Heimat, teils mit vollbepackten Handwagen teils schwer beladen auf den Fahr­rädern, teils mit einem Kinderwagen, der über und über mit Gepäck geladen ist. Manche haben auch ein Pferd vor einen etwas größeren Wagen. So ziehen sie auf der Landstraße dahin, so ziehen sie in ihre Heimat ein. Diese Trüppchen allerdings sind jetzt selte­ner geworden. Die meisten dieser Leute haben schon ihr Ziel erreicht und streckenweise geht ja nun auch schon der Zugverkehr.
So vergeht die Zeit unter der täglichen Arbeit die - ja zur Ernte­zeit den ganzen Menschen in Anspruch nimmt. - Ja, die Zeit vergeht und sie bringt manches ans Tageslicht, was im deutschen Volke große Bestürzung hervorruft. Sie hebt manchen Vorhang unter den wir niemals blicken durften, unter dem Dunkel und Grausamkeiten verborgen waren. Dunkel werden die Seiten des Geschichtsbuches sein, auf denen diese Zeiten geschrieben werden, diese letzten Jahre.

Wohl wird 'es auch hellere Zeilen geben auf diesen Blättern, der Heldenmut und die Tapferkeit des deutschen Soldaten, der sich gegen eine große Übermacht von Gegnern sechs Jahre bewährte, der sechs Jahre tapfer kämpfte, der sein Leben gab für sein Vaterland und treu war bis zum Tod. Diese Zeilen werden in lich­teren Buchstaben eingetragen sein in das Buch der Geschichte. Traurig aber ist, daß dieser eine Mann der die Leitung des deut­schen Volkes in der Hand hatte und dessen Mitarbeiter diese Tapferkeit der Soldaten so nützten, daß sie Deutschland derart zu Grunde richteten, so wie es jetzt am Boden liegt, denn wofür mußten die letzten Soldaten noch sterben, nur um das Leben unse­rer Regierenden um einige Zeit zu verlängern oder um ihre Gefan­gennahme noch etwas hinauszuschieben. Viele von denen die sich dadurch retten wollten sehen nun ihrer gerechten Strafe entgegen. Traurig ist die Zeit der deutschen Geschichte, schwer die Zeit in der wir leben, harte Jahre werden noch folgen für uns, aber Gott der Herr, der Himmel und Erde regiert, der uns in der vergangenen Zeit treu zur Seite stand, wird uns auch in künftig schwerer Zeit Kraft geben, all das Schwere zu überstehen.

Wenn alles bricht,
Gott verläßt uns nicht.
Größer als der Helfer
ist die Not ja nicht.

Wir stehen an der Schwelle des Jahres 1946.

Ein hartes Jahr liegt hinter uns, eines der dunkelsten in der deutschen Geschichte. Wieviel Leid, wieviel Elend birgt das vergangene Jahr. Wieviel Hoffnungen hat es begraben, wieviel Trauer gebracht, wieviel Grausamkeiten ans Licht gebracht. Ja es war ein dunkles Jahr und dunkel liegt das neue vor uns. Was wird es uns bringen, noch mehr Elend, noch mehr Herzeleid, noch größere Sorgen, noch größerer Not ? Wir wissen es nicht, wir können nicht sehen durch den dunklen Schleier der Zukunft, wir können nur annehmen, was es uns bringt, annehmen was Gott uns in diesem Jahr schickt. Wir wollen nicht feige abseits stehen, wenn Not und Elend herrschen und wir selbst vielleicht nicht so sehr davon betroffen sind, wir wollen helfen, helfen, wie wir es auch in vergangenen Jahren taten. Helfen, wo es nottut, um das harte Los schwerbetroffener Menschen zu erleichtern. Und wir werden dazu Gelegenheit haben, denn eine große, schwere Aufgabe steht uns bevor in diesem kommenden Jahr. 17 Millionen Deutscher, die überall in den fruchtbaren Gebieten des Ostens schon Jahrhunderte lang ihre Heimat haben, die Wohl­stand und Reichtum durch ihren Fleiß in diese Länder gebracht haben und dort unter fremdem Völkern ihr Deutschtum rein hielten, ihre Muttersprache sprechen wie wir. Sie sollen alle ihre Heimat verlassen, sollen alle ins Reich und sollen hier bei uns eine Heimstätte finden. Aber wie soll diese Aufgabe gelöst werden? Wie sollen diese vielen Menschen auf dem jetzt schon engem Raum des Reichgebietes ihre Arbeit und ihr Brot finden. Es ist dies ein Rätsel, das nur die Zeit zu lösen vermag. Das eine aber ist sicher, daß wir alle, wer wir auch sind, mithelfen müssen, diesen armen Menschen, die Haus und Hof verlassen müssen , wieder eine neue Heimat zu bereiten. Gott gebe ihnen und uns Kraft und Geduld, dieser großen Aufgabe Herr zu werden. Er möge die verschlossenen Herzen öffnen, die harten Gemüter erweichen und die für Elend und Not blinden Augen auftun, denn nur wenn wir alle helfen, kann diesen Armen wirklich geholfen werden.

19. Januar 1946: Wir waren heute im Pfarrhaus versammelt, einige Männer und Frauen von hier. In absehbarer Zeit sollen die ersten Ostflüchtlinge in unser Gebiet kommen. Bis 15. Februar sollen alle Vorbereitungen getroffen sein. Wir gehen mit aller Kraft daran, damit wir den Leuten eine anständige Unterkunft bieten können. Wir wollen sie vorerst im Gemeindehaus unterbringen und dann in Privatquartieren.

26. Januar; Heute hält Herr Pfarrer Schäfer (Siegelsbach) in der Kirche einen Vortrag über das Elend und die Not der sich jetzt auf der Straße befindenden Ostflüchtlingen. Hunger und Tod sind ihre Reisegefährten. Viele von ihnen bleiben auf der Straße, viele von ihnen erreichen nicht ihren Bestimmungsort. Könnte man ihnen doch helfen. Warum muß ein so großes Elend über die Erde kommen, warum dürfen diese Menschen nicht in ihrer Heimat bleiben, womit haben diese Menschen das verdient ? Kann denn diesem Jammer kein Einhalt geboten werden ? Aber wer hilft uns Deutschen ! Wir werden gehaßt auf der ganzen Welt. Sind wir denn so schlechte Menschen, wir Deutschen, daß sie uns alle hassen, sind wir denn so große Verbrecher, daß uns keiner hilft? Nein, wir sind auch nicht schlechter, als andere, nein wir sind es nicht, aber wir hatten Männer unter uns, ja an unserer Spitze, die säten diesen Haß, die streuten diesen bösen Samen aus und nun müssen diese armen Vertriebenen, ja mit ihnen das ganze deutsche Volk ernten, was solche Männer ausgesät haben. Erschüttert und voll Mitleid verlassen an diesem Abend die Ein­wohner das Gotteshaus und ich glaube die meisten der Hörer haben sich freudiges Geben und williges Helfen zum Vorsatz genommen.

29. Januar: Die erste Sammlung für die Ostflüchtlinge an Wäsche und Geschirr ist durchgeführt. Wir sind erstaunt über den guten Erfolg.

1. Februar: Die ersten Flüchtlinge sollen eintreffen. Alle Pfer­debauern müssen nach Neckarzimmern, um dort im Durchgangslager 300 Personen für Hüffenhardt in Empfang zu nehmen und mit ihren wenigen Habseligkeiten hierher zu fahren. Einige Frauen werden benachrichtigt, die zum Richten der Räume, zur Zubereitung des Essens notwendig waren denn die ganze Sache kam doch so sehr überraschend, man war ja so wenig vorbereitet. 300 Flücht­linge. Wie werden wir die alle unterbringen, wie werden wir die Sache meistern? Ein emsiges Treiben entsteht im Ort, alles ist auf den Beinen, alles hilft.

Zuerst gilt es die Räume, die zur Verfügung stehen, zu reinigen und ihrem Zweck entsprechend einzurichten. Wir arbeiten, alles ist tätig, so viele wollen helfen. - Die Sache ist soweit vorge­richtet, aus der Küche steigen verheißungsvolle Düfte empor. Eine gute' Gemüsesuppe soll die Ankömmlinge kräftigen und erwärmen.

Es ist 1 Uhr am Nachmittag. Ein Auto vollgeladen mit Gepäck und einigen Personen fährt ins Dorf, aber es hält nicht an, es fährt weiter nach Kälbertshausen. Bald darauf kommt ein zweites, auch dieses fährt weiter.

4 Uhr ist es, da treffen die ersten bei uns ein. Es ist auch ein Auto, über und über mit Gepäck beladen. Zehn bis zwölf Personen kommen mit. Ach, dieser Anblick, wie traurig, ich möchte mich verkriechen in eine Ecke und weinen, möchte von niemanden angeredet werden, zu tief erschüttert mich das Elend dieser Armen. Ich stelle mich an den Platz dieser Menschen, wie, wenn auch wir so von Haus und Hof vertrieben worden wären, wenn wir so in die Fremde müßten, angewiesen auf Gnade und Barmherzigkeit anderer, uns ganz fremder Menschen. Wie arm sind sie, die da zu uns kommen. Wir wollen sie freundlich aufnehmen, wollen gut zu ihnen sein, ihnen eine Heimat bieten. Wagen um Wagen fährt an, vollbepackt mit der wenigen Habe dieser Menschen. Unsere Männer und wer auch da ist helfen den Leuten ihre Bündel hereintragen ins Haus. Wir geben ihnen zu Essen und sie sind dankbar für solche Aufnahme. Wir unterhalten uns mit ihnen. Sie erzählen uns. Zwölf Tage waren sie unterwegs. Ihre Heimat ist Budaörs, einige Kilometer von Budapest entfernt. Zum größten Teil sind es Weinbauern, anscheinend recht wohlhabende Leute. Aber wo ist nun all ihr Reichtum geblieben! Nur die Erin­nerung kann sie in diese schönen vergangenen Zeiten zurückverset­zen. Aber über eines wundern wir uns alle. Die Leute sind nicht verzagt, sie klagen nicht über ihr Schicksal, sie sind nicht niedergeschlagen. Tapfer sind sie, diese Menschen, so tapfer. Mit echtem Humor können sie erzählen. Man möchte fast sagen sie sind fröhlich, trotz ihrem harten Los. man könnte sie benei­den, daß sie in solcher Lage die seelische Haltung zu wahren vermögen, Menschen die so sind, sind trotz ihrer Armut glücklich zu preisen. Ja es ist ein tapferes Völkchen, diese Leute und so urdeutsch. In ihrer Sprache haben sie einen starken bayrischen fast österreichischen Akzent. Die Frauen sind sehr gut zu verste­hen, weniger die Männer, die sprechen so schnell.

Etwas seltenes ist die Tracht der Frauen, die Heimattracht von Budaörs. Ihre vier bis sechs Meter weiten, in ganz dichten Falten gelegten Wollröcke, die sie über einigen weißen, gestärkten, ebenfalls in Falten gelegten Unterröcken tragen, geben den Frauen an den Hüften einen ganz stattlichen Umfang. Je nach der Gangart der Frauen schwenken die Röcke bei jedem Schritt elastisch hin und her, das ist sehr nett anzusehen. Über den Röcken tragen sie eine kittelähnliche Jacke, die sie Jupperl nennen und eine dunkelblaue, wie nagelneu glänzende Schürze, die aber zuweilen schon Flicken trägt. Der Glanz dieser Schürze wird durch eine besondere Bearbeitung mit eine Mange nach jeder Wäsche wieder hervorgerufen. Sehr schön sehen die himmelblauen Strümpfe aus, die in zierlichen schwarzen Samtschuhen zu dieser Tracht getragen werden. Das große Kopftuch, das ziemlich tief ins Gesicht gebun­den, seitlich in zwei schönen gleichmäßigen Falten gelegt ist und dessen zwei gebundene Zipfel in einer schrägen Linie zum Kinn zu stehen haben, der eine nach oben, der andere nach unten zeigend, läßt die Frauen alle gleich erscheinen und es ist schwer zu erkennen, in welchem Alter die Frauen sind. Ein großes vier­eckiges Umschlagtuch, das als Dreieck zusammengelegt ist, dient den Frauen zum Schutz gegen große Kälte.

Die Frisuren der Frauen sind alle gleich. Das im Durchschnitt sehr große Haar ist glatt nach hinten gekämmt, ist zu einem schönen "Nockerl" zusammengenommen.

Durch die lange Fahrt in den Eisenbahnwagen mag vielleicht nicht mehr alles in dieser Ordnung sein als zu Hause, aber im großen und ganzen machen die Leute einen sehr anständigen, sauberen Eindruck. Sehr bald ziehen sie sich an diesem Abend zurück auf ihr bescheidenes Lager. Sie sind froh, einmal wieder ruhig schlafen zu können. Wir verab­schieden uns von ihnen bis zum nächsten Tag.

2. Februar: Als wir am nächsten Morgen ins Lager kommen um den Leuten Kaffee zu geben, klingt uns von allen ein freundliches "Guten Morgen wünsch ich" entgegen, wir erwidern den Gruß und ein Strahl dankbarer Freude zieht über das Gesicht dieser Menschen.

Nach einem langen Gebet, das von allen gemeinsam gesprochen wird, die Leute sind alle streng katholisch, beginnen wir mit dem Kaffeeausteilen. Wir speisen die Leute in zwei Partien ab, weil es an Platz und Geschirr mangelt; aber es geht so ganz gut. Einige Frauen helfen uns dann gleich das Geschirr abwaschen und kehren den Raum. Auch am Mittag sind sie behilflich und so haben wir uns schon am ersten Tag ganz gut eingelebt mit diesen Menschen. Nach dem Mittagessen bittet mich ein Mann, ich soll ihm einige Becher bringen damit er mir für die Frauen etwas Wein geben könne. Ich wußte nicht gleich was für Frauen er meint und erfüllte nicht gleich seine Bitte. Als er mich dann erinnerte und fragt ob wir denn keinen Wein wollen, habe ich ihm seine Frage nicht verneint und er füllte mir ein Krüglein guten "Budaörser", der leider durch die Fahrt an der Farbe etwas gelitten hat, uns aber dennoch gut schmeckte. Schön und harmonisch ist das Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit diesen Leuten schon am ersten Tag. Man freut sich darüber und hofft, daß dies immer so bleiben möge. Ehe wir gehen sagt ihnen Frau Pfarrer noch, daß am nächsten Tag der katholische Geistliche von Siegels­bach hier einen Gottesdienst für sie halten wird. Die Freude darüber war sehr groß und glücklich strahlen die dankbaren Gesichter.

Ach Tage sind vergangen. Acht Tage sind diese Ostflüchtlinge nun schon hier. Man lernt allmählich die Namen kennen, lernt auch die Leute kennen. Sie freuen sich wenn man sich ein wenig für sie interessiert und sind glücklich, wenn man sich abends nach Feierabend mit der Handarbeit noch ein Stündchen zu ihnen setzt, ihnen erzählt oder ihren Erzählungen seine ganze Aufmerk­samkeit schenkt. Sie erzählen von ihrer Heimat, ihrer schönen fruchtbaren Heimat, die sie so jäh verlassen mußten. In manchem Auge liegt während des Erzählens eine tiefe, tiefe Trauer, eine große Sehnsucht nach dem Lande ihrer Jugend, nach dem Lande ihrer Hoffnungen und ihrer Träume klingt aus jedem Wort und wir verstehen diese Sehnsucht, verstehen diese Trauer, die einen jeden, der auf solche Weise seine Heimat verlassen muß, und wir verstehen auch, daß mancher die Hoffnung nicht aufgeben kann, wieder einmal dort hin zu kommen, wenn auch diese Hoffnung nur an einem ganz dünnen Fädchen hängt. - Ach, daß man ihnen doch wirklich helfen könnte, diesen Armen.

Im Laufe dieser Woche verlassen die meisten das Lager und beziehen ihre Privatquartiere. Die Leute werden zum größten Teil gut aufgenommen, mit ganz wenigen Ausnahmen. Daß Gott doch auch das Herz derer erweichen möge die für solche Menschen kein Mitgefühl haben. Können denn solche Personen ein Herz im Leibe haben, die diesen Menschen ihr Haus verschließen ? Am 15. Februar begeht der älteste Budaörser seinen 85. Geburts­tag. Peter Herzog ist sein Name, ein netter alter Mann, der leider auf der Fahrt das Pech hatte, vom Waggon zu stürzen, und so ist er nun körperlich stark behindert und kann nur mit dem Stock gehen. Ich habe das innere Bedürfnis,  diesem Mann eine kleine Freude zu bereiten. Ein Mensch, der soviel entbehren muß im Greisenalter, dem muß man ein wenig Freude ins Haus tragen. Und ich muß sagen, die Freude war groß die ich mit meinen wenigen Sächelchen in dieses gemütliche Stübchen trug. Tränen der Gerührtheit, wohl aber auch der Trauer im Gedanken an den großen Verlust ihrer Heimat, ihres Zuhause, all ihrer Habe, die sie besessen hatten und derer sie sich nun nie mehr freuen dürfen, stiegen in den Augen dieser Leutchen auf. Der arme Greis konnte nur immer wieder sein "Tausend, tausend Dank, Gott wolle es ihnen vergelten, wir könnens nicht mehr" wiederholen, und plötzlich drehte er sich der Wand zu und weinte wie ein kleines Kind.

Ich unterhielt mich noch einige Zeit mit der Tochter und deren Mann und als ich nach Hause ging, war eine tiefe Befriedigung in meinem Inneren eingekehrt, und ein kleiner Teil der Freude, die in den gemütlichen Räumen dieser beiden Menschen herrschte, begleitete mich zurück in mein Alltagsleben.

Wieder sind einige Tage vergangen. Die Ostflüchtlinge haben sich nun schon etwas eingelebt im Ort und es gehört tatsächlich schon zum täglichen Straßenbild, wenn Frauen in Budaörser Tracht ihre Ausgänge besorgen. Wie glücklich sie sind, wenn man ihnen auf der Straße begegnet und ein freundliches Wort für sie übrig hat. Immer und immer bitten sie, man solle sie in ihrem neuen Heim mal besuchen. Man spürt die Leute haben das Bedürfnis nach Menschen die sie verstehen wollen, mit denen sie mal sprechen können und die ihnen helfen möchten, die verlorene Heimat ein klein wenig zu ersetzen. Ja, das wollen wir auch tun. Wir wollen uns ihrer annehmen, wollen ihnen helfen, hier eine Heimat zu finden, die zwar ihrer verlorenen Heimat nie gleich werden wird, aber die sie doch eine solche nennen dürfen.

 

 

 

 

Hier enden leider die so wertvollen Aufzeichnungen von Frau Anneliese Schneider aus einer schweren Zeit, schade ! Jetzt nach fünfzig Jahren hat sie mir ihr damaliges Tagebuch zum lesen gegeben. Es ist in schöner "Deutscher Schrift" geschrieben, die heute leider fast, besonders von der Jugend, niemand mehr lesen kann. Um aber gerade diese Aufzeichnungen für nachwachsende Generationen zu erhalten, habe ich diese mit Maschine niedergeschrieben, ich der ich selber im Jahre 1946 als Heimatvertriebener aus dem Sudetenlande nach Hüffenhardt gekommen bin und hier in Hüffenhardt eine zweite Heimat gefunden habe.

Ich hege die Hoffnung, daß Frau Schneider zu diesen, so eindrucksvoll geschrieben Aufzeichnungen noch einen Nachtrag schreiben wird, den ich gerne schreiben und diesen Unterlagen beifügen würde.

Hüffenhardt, im November 1995.

Emil Prinke.