| Emil Prinke ist
eine Sammlernatur und hat das Zeug zum Archivar: Akribie, Sorgfalt und
Neugier verwendet er seit über 40 Jahren auf geschichtliche Dokumente,
die über seinen Geburtsort im Sudetenland berichten. In den vergangenen
Jahren verlegte er sich daneben auf die Ahnenforschung.
In Hüffenhardt hat er nach dem Zweiten Weltkrieg eine
neue Heimat gefunden und befasst sich seit langem auch mit der
Geschichte der Heimatvertriebenen in der Kraichgaugemeinde. Eine
Dokumentation zu diesem Geschichtskapitel gibt jetzt Prinke-typisch auf
knapp 90 Seiten bis ins Detail Informationen über die zwischen 1945 und
1947 in Hüffenhardt angesiedelten Heimatvertriebenen. Sie stammten vor
allem aus Ungarn und dem Sudetenland. „60 Jahre später war es höchste
Eisenbahn für diese Niederschrift“, findet der heute 80-Jährige,
schließlich sei die „Erlebnisgeneration“ nahezu „weggestorben“.
Vielleicht ist aus den Folgegenerationen der Vertriebenen der eine oder
andere froh, „etwas Geschriebenes“ zu finden, nennt Prinke mögliche
Adressaten für seine Aufzeichnungen, in denen er auf Grundlage des
Fremdenbuchs der Gemeinde dort erfasste Daten präzisiert und ergänzt
hat. Bei der Gemeindeversammlung im Januar stellte Bürgermeister Bruno
Herberich das Werk öffentlich vor.
Es enthält Erlebnisberichte Betroffener aus den
verschiedenen Herkunftsregionen, allerdings weniger, als Prinke erhofft
hatte: „Viele“, erklärt er sich die Scheu seiner Gesprächspartner,
„sprechen nicht gern über die Vertreibung, um nicht alte Wunden
aufzureißen“. Die Sammlung wird ergänzt durch die Auflistung von Namen,
Geburtsjahr und Verbleib der rund 500 Vertriebenen aus den deutschen
Ostgebieten, die in dem 1100-Seelendorf unterkamen. Sie gehörten zu
insgesamt über 25 000 Schicksalsgenossen, die allein 1946 über das
Aufnahmelager in Neckarzimmern in die Kreise Mosbach, Heilbronn,
Sinsheim, Karlsruhe und Esslingen verteilt wurden.
Mit der Zuweisung so vieler Fremder sah sich
Hüffenhardt, das damals noch 120 landwirtschaftliche Betriebe zählte,
unerwartet vor die Aufgabe gestellt, seine neuen Bürger zu integrieren.
Aus Prinkes Sicht ist das gelungen, Herberich sieht „die heutige
Vielfalt unseres gesellschaftlichen Lebens“ als Ergebnis einer enormen
Gemeinschaftsleistung von damals. Sie begann mit Einquartierungen bei
Familien, die zusammenrücken mussten, weil nicht alle im ehemaligen
Hitlerjugendheim oder in den Baracken unterkamen, in denen vorher Frauen
des Reichsarbeitsdienstes untergebracht waren. Als Flüchtlinge
tituliert, in Wirklichkeit aber, betont Prinke, aus ihren angestammten
Heimatorten oftmals grausam vertrieben, begannen die Neu-Hüffenhardter
in den 50er-Jahren Häuser und die katholische Kirche zu bauen. Die
Männer fanden Arbeit beim Wiederaufbau des zerstörten Heilbronn oder
Stuttgart, später beim Maschinenbau-Betrieb Finkenrath, in der
Gardinenfabrik, im Siegelsbacher Depot oder in der aufstrebenden
Autoindustrie.
Als Heimarbeiterinnen, in der Gardinenfabrik am Ort
oder beim Siegelsbacher Kosmetik-Hersteller Mann & Schröder verdienten
die Frauen Geld. Vom Bauerndorf wurde der Ort zur Arbeiterwohngemeinde,
Heiraten führten katholische und evangelische Familien zusammen. Ein
Nachschlagewerk, das Jüngeren die damaligen Verhältnisse erklären kann,
ist das Werk allemal. Als „Bereicherung für das Gemeindearchiv“
empfindet Herberich die Arbeit des Hobby-Heimatforschers, der
mittlerweile am Laptop arbeitet und im Internet recherchieren gelernt
hat. Interessierte können es als Kopie zum Selbstkostenpreis bei der
Gemeinde erwerben.
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