Gemeinde H�ffenhardt

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Jüdische Gemeinde

Spuren und Zeugnisse jüdischen Lebens in der Landgemeinde Hüffenhardt zwischen Odenwald, Kraichgau und Neckartal

Das nordbadische Dorf Hüffenhardt ist eine kleine Gemeinde im nordöstlichen Kraichgau. Landschaftlich grenzt das Dorf im Osten an das Neckartal, nördlich beginnen die Ausläufer des Odenwaldes.
Viele Menschen wussten nicht, dass sich im Kraichgau des 18. und 19. Jahrhunderts die meisten jüdischen Gemeinden Badens befanden. Auch das Dorf Hüffenhardt hatte über 300 Jahre lang eine kleine jüdische Gemeinde.

Im Jahre 1854 erwarb diese Gemeinde ein kleines Gebäude in der Reisengasse Ecke Bohnengasse, um sich zur Ausübung ihrer Gottesdienste zu treffen. Die dörflichen Synagogen im Kraichgau waren äußerlich zumeist einfache, schlichte Gebäude. Der rekonstruierte Charakterzug der kleinen Synagoge in Hüffenhardt zeugte ebenfalls davon – es wurde berichtet, dass dieses Haus klein und unscheinbar war. Dies bestätigt die nicht selten vorkommende Umnutzung von angekauften bäuerlichen Immobilien, die dem einfachen Bild der dörflichen Umgebung angepasst blieben und somit von außen kein direkter Bezug zu einem Gotteshaus erkennbar war.

Im späteren 18. Jahrhundert begann eine Zeit voller Widersprüche, Unsicherheiten und antisemitischer Tendenzen. Schon damals war der Geist des politischen Antisemitismus langsam aber stetig zu spüren.
Es wurde mit dem immer unsicherer werdenden Leben der Menschen förmlich gespielt – der Propagandaarbeit und der Mobilisierung von Wählerstimmen für die NSDAP kam eine immer wichtigere Rolle zu; waren doch bis dahin die jüdischen Mitbürger kein Fremdkörper, ganz im Gegenteil, es waren Nachbarn und Freunde – Beziehungen bauten sich auf… doch die Mehrheitsgesellschaft schaute weg – Ausgrenzung und Zerstörung nahm ihren Lauf.

Einige der männlichen, jüdischen Mitbürger hatten den 1. Weltkrieg mitgemacht, einige verstarben auf den Schlachtfeldern in Frankreich für Volk und Vaterland… dies mutet schon fast skurril an.

Doch die antisemitischen Strukturen wurden immer stärker und so suchten viele Schutz im Ausland oder versuchten in Großstädten anonym zu leben bzw. zu überleben.

An einem grauen und trüben Novembertag im Jahre 1938 wurde die kleine Synagoge in der Reisengasse Ecke Bohnengasse von Nationalsozialisten abgerissen – die religiösen Gegenstände wie Torarolle, Gebetsbücher und andere Einrichtungsgegenstände wurden auf die Straße geworfen und teilweise verbrannt. Viele mussten zuschauen, unter anderem auch Kinder der Grundschule und des Kindergartens… auch kam es in diesem Zusammenhang zur Demolierung jüdischer Geschäfte.

Viele der bis dahin im Dorf lebenden jüdischen Mitbürger wurden während der Shoa ermordet. Nur wenige überlebten die Schreckenszeit des Nationalsozialismus.
So wurde am 11. November 1938 der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde Hüffenhardt`s, Sigmund Kander, verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau bei München überstellt.


Wir gedenken den in der Shoa ermordeten Menschen, die in Hüffenhardt geboren, aufgewachsen und/oder ehemals ansässig waren

Max Kander geb. 1887 *1942 in Izbica
Gustav Kander geb. 1878 *1942 in Auschwitz
Rosa Kander geb. Menges geb. 1883 *1942 in Auschwitz
Lehmann Liebmann Stern geb. 1878 *1942 in Récébédou
Adolf Kander geb. 1875 *1942 Lódz
Lina Merklinger geb. Kander geb. 1890 *1942 in Lagos
Klara Wertheimer geb. Kander geb. 1884 *1942 in Izbica
Fanny Grötzinger geb. Grötzinger geb. 1863 *1943 in Noé
Gertrud Auguste Wertheimer geb. Kander geb. 1894 *1942 in Auschwitz
Mina Mergentheimer geb. Kander geb. 1888 *1942 in Treblinka
Mathilde Mina Levy geb. Kander geb. 1880 *1942 in Warschau/Auschwitz
Hedwig Jakob geb. Hofmann geb. 1883 *1938 in Lorsch, Flucht in den Tod
Jenny Oppenheimer geb. Hofmann geb. 1881 *1938 in Lorsch, Flucht in den Tod

 

 


So führte dieser dunkle Teil der Ortsgeschichte viele Jahrzehnte ein Schattendasein, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein ehemaliger Hüffenhardter sich diesem Themenbereich annahm und ein Buch über die Spuren und Zeugnisse jüdischen Lebens in der Landgemeinde Hüffenhardt schrieb.
Dieses Werk wurde im Jahr 2019 mit dem 2. Landespreis des Landes Baden-Württemberg im Bereich der Heimatforschung ausgezeichnet und ist in vielen nationalen und internationalen Bibliotheken zu finden.
Der Titel des Buches lautet „er heftete seine Seele an den lebendigen Gott“ – Spuren und Zeugnisse jüdischen Lebens in der Landgemeinde Hüffenhardt.
Bei Interesse kann das Buch über den Buchhandel bzw. Online-Buchhandel bestellt werden.

Die Gemeinde hat sich ihrer Vergangenheit gestellt und möchte mit dieser kleinen Gedenkstätte den ermordeten jüdischen Mitbürgern der Gemeinde ihre Würde zurückgeben… ihre Namen sollen nicht vergessen werden.

Nie wieder ist jetzt

 

Bedeutungen

Die Bedeutung des hebräischen Wortes auf der Gedenktafel:
Das Wort „Jiskor“ - Erinnerung bzw. Gedenke ist ein jüdisches Gedenkgebet an die verstorbenen Angehörigen. Es ist nach dem ersten Wort des Gebetes benannt und wird auf Gedenksteinen und Tafeln im Zusammenhang des Holocaust verwendet.

Die Bedeutung des hebräischen Verses auf dem Gedenkstein:
„Vor Traurigkeit zerfließt in Tränen meine Seele“ - Text nach der Elberfelder Bibel. Diese stammt für das alte Testament von 1871 und ist bis heute, gerade für Übersetzungen, häufig in Gebrauch, da sie sehr poetisch übersetzt und nah am Urtext bleibt.

Kleine Steine auf den Gräbern bzw. Gedenktafeln:
Beim Besuch eines jüdischen Grabes bzw. Gedenksteines ist es üblich zum Andenken an die Verstorbenen kleine Steine auf das Grab bzw. den Gedenkstein zu legen.

Die jüdische Gemeinde Hüffenhardt - ein Buch über eine fast vergessene Geschichte

So befasste sich z. B. Thomas Siegmann in seinem Buch "... er heftete seine Seele an den lebendigen Gott" mit den Spuren und Zeugnissen des jüdischen Lebens in der Landgemeinde Hüffenhardt zwischen Odenwald, Kraichgau und Neckartal. Heimat ist vielfältig, lässt viele Definitionen und Beschreibungen zu. Vor allem ist Heimat ein unglaublich spannendes Forschungsgebiet, so Kunststaatssekretärin Petra Olschowski bei der Verleihung des Landespreises für Heimatforschung  im November 2019 im Schloss Winnenden. 4 Beiträge aus unserer Region waren mit Auszeichnungen vertreten. So auch der in Hüffenhardt aufgewachsene Thomas Siegmann, der für seine starke Forschungsarbeit mit dem 2. Landespreis belohnt wurde. Mit seiner Arbeit möchte Thomas Siegmann die Geschichte der jüdischen Gemeinde in die Dorfgeschichte eingliedern – eine Art „Wiedereinsetzen in die Heimat“ schaffen. In den Statements der Preisträger wurde abschließend deutlich wie individuell das Thema Heimat beschrieben wird – und dass Heimat auch immer bedeutet, sich mit der Geschichte vor der eigenen Haustür zu beschäftigen.

Das Dorf Hüffenhardt im nordöstlichen Kraichgau war über Jahrhunderte hinweg Heimat für Menschen jüdischen Glaubens. Die Familien Strauß, Grombacher, Metzger, Eisemann, Kander und Hofmann gründeten hier Familien und waren mit ihren Traditionen und Eigenarten Teil des dörflichen Lebens. Heute erinnert in der Öffentlichkeit nichts mehr daran. Im März 2018 erschien ein fast 400 Seiten starkes Buch, das sich der Jüdischen Gemeinde Hüffenhardt widmet, deren Geschichte seit ihrem gewaltsamen Ende in der NS-Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch ein Schattendasein führt. Durch intensive Nachforschungen konnte längst verloren geglaubtes Wissen um verschiedenste historische Lebenszusammenhänge und menschliche Schicksale rekonstruiert werden. So erfährt der Leser etwas von dem vermeintlichen Messias Sabbatai Zwi, über den 1666 Nachrichten bis ins Dorf gelangen. In biografischer Skizze begegnet man Abraham Metzger, einem Akteur in der Zeit der Revolution von 1848. Die Lebensstationen von Dr. Süssmann Grombacher geben Einblicke in einen Bildungsweg im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Die Darstellung der Auswandererbiografie von Rudolf Kander leistet einen Beitrag zu einem wenig erforschten Gebiet des deutsch-jüdischen Lebens in Brasilien…

Im Gespräch mit dem aktuellen Stand historischer Forschung wird zum Teil bisher unveröffentlichtes Quellen- und Bildmaterial zur Darstellung gebracht, das Einblicke verschafft in die ambivalente Welt eines Dorfes und seiner jüdischen Bewohner von der Frühen Neuzeit bis zur NS-Diktatur. Dabei zeigt dieses Buch, dass die Geschichte des Landjudentums, dessen Erforschung seit den neunziger Jahren verstärkt in den Fokus rückt, noch einige Überraschungen bereithält.

Der Autor Thomas Siegmann, der u.a. ein Jahr in Tel Aviv lebte, mehrere Arbeitsaufenthalte in Israel absolvierte und sich seit vielen Jahren mit der jüdischen Kulturgeschichte in Deutschland beschäftigt, recherchierte in Archiven im In- und Ausland und wurde fündig… Für ihn ist dieses Buch ein Beitrag zu einer lebendigen, wertschätzenden Erinnerungskultur, deren Ziel es ist, Würde und Menschlichkeit wiederherzustellen und zu bewahren. Er verbindet mit Abschluss dieses Projektes die Hoffnung, dass der Erforschung des Landjudentums in Südwestdeutschland ein Mosaikstein beigefügt werden konnte Sein Dank gilt jenen Menschen, die als Zeitzeugen oder Interessierte, die Bedeutung dieses Projektes erkannten und ihren persönlichen Beitrag geleistet haben.

Thomas Siegmann
… er heftete seine Seele an den lebendigen Gott – Spuren und Zeugnisse jüdischen Lebens in der Landgemeinde Hüffenhardt zwischen Odenwald, Kraichgau und Neckartal.
396 S. Hardcover mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3746024202 ; Preis EUR 39,00
Erhältlich ist das Buch im Buchladen und im Online-Buchhandel.